Interview mit Thomas Gauck

Interview mit Thomas Gauck2017-01-25T07:21:38+00:00

Ein interessantes Foto besitzt eine eigene, spürbare Harmonie, eine Konstellation von Aussagen.

Welche Bedeutung hat Fotografie in deinem Leben?

Fotografie ist für mich ein Begleiter, ein guter Freund, der in Reichweite verweilt. Ein Begleiter, der Fehler durch kontinuierliche Verbesserungen verzeiht, der reflektiert und inspiriert. Die Begleiterrolle der Fotografie in meinem Leben war anfangs eher unmerkbar und hatte den gleichen Stellenwert wie andere Dinge, aber, es begann ein Dialog mit der Fotografie, ich stellte Fragen und bekam Antworten. Anders ausgedrückt: Fotografie wurde für mich eine Art geistiges Yoga, ich weiß was mich erwartet, wie ich daraus mental profitieren kann, und dennoch sind die Übungen nie gleich. Würde ich aus irgendeinem Grund alle meine Bilder verlieren, würde ich trotzdem weiter fotografieren.

Was geht in dir vor, wenn du dir Fotos aus deiner Anfangszeit ansiehst?

Ich denke dann oft, dass ein wenig mehr Aufmerksamkeit, ein wenig mehr Ruhe und Sensitivität auch mit einfacheren Kameras, ganz andere Bildergebnisse gebracht hätten. Diese Fehler sind nicht wieder gut zu machen, gerade dann, wenn die Motive sich so nicht wieder fotografieren lassen. Auf der anderen Seite, schaffen genau diese Erfahrungssprünge eine besondere Wertschätzung zu ursprünglichen Bildideen … und zur Zeit an sich.

Fotografie wird quasi seit ihrer Erfindung inflationär von der Masse bedient, nie war es technisch so einfach gute Bilder zu machen. Welche Bedeutung hat heutzutage eine Fotoschule wie FotografieCampus?

In der simplen technischen Machbarkeit steckt die Herausforderung. Ich bin kein Buddhist, aber im Buddhismus findet genau diese Vereinbarkeit von Widersprüchen statt. Es ist zwar technisch einfacher „raffiniert“ zu fotografieren – eigene Wege und Möglichkeiten für sich zu entdecken und zu erarbeiten, aber es wurde schwieriger, weil die Masse der Fotografie und die Sehgewohnheiten optischer Fastfood bleibt. Die Erkenntnis, sich vom Mainstream zu trennen, kann nicht früh genug kommen. Für einen fotografischen Anfänger mag das Beschreiten eigener Wege mit anderen Zielen früher kombiniert sein, als für einen langjährigen Fotobesessenen. Dennoch kann auch ein absoluter Anfänger seiner Intuition folgen, sobald er wesentliche Techniken verinnerlicht hat. Je besser die handwerkliche Handhabung wird, desto größer werden individuelle Ausdrucksmöglichkeiten. Auf diesem Wege Möglichkeiten und Abkürzungen aufzuzeigen, ist ein echtes Ziel von FotografieCampus. In einer guten Schule werden Persönlichkeiten geformt, analog dazu kann eine Fotoschule Wegbereiter für die Entwicklung eigener Wahrnehmungen sein, die schließlich in einem persönlichen Stil münden.

Für den Einen sind wir Ratgeber zu technischen Fähigkeiten, für einen Anderen, ein Türöffner zur schrittweisen Selbstverwirklichung in der Welt der Fotografie.

Fotografieren ist, ähnlich der Malerei und der Wortkunst, ein Terrain, in dem jeder Einzelne mit geringen Mitteln Werke schaffen kann, die niemand anders so hinbekommt.

Was sind deine privaten fotografischen Ziele, in diesem Jahr und in fünf Jahren?

In diesem Jahr möchte ich einige Portraits realisieren, die momentan nur sehr vage im Kopf sind, einige Interpretationen von Gemälden im mittelalterlichen Chiaroscuro-Stil. Mich faszinieren die alten Meister, die ständig auf der Suche nach dem perfekten Bildaufbau waren.

In fünf Jahren … will ich meinem Ziel, komplexere, erzählende Fotozyklen von max. 12 Bildern, sehr viel näher sein als heute. Bei vielen, für mich wichtigen Themen, habe ich erst wenige Motive, und ältere werde ich nochmal machen müssen. Die Bereinigung meines Bildbestandes ist ein Dauerprojekt.

Hast du ein fotografisches Vorbild, oder eine Stilrichtung?

Als ich mit 15 Jahren in der Nürnberger Stadtbücherei SW-Bildbände von den Halligen, Schauinsland von Jürg Andermatt oder der Bavaria Buche entdeckte, hatte ich schnell fotografische Vorbilder. Die lyrische Ausstrahlung gewisser Motive hat mich fasziniert, auch der Bildband „Atlantis“ von Lajos Keresztes, mit dem ich inzwischen herzlich befreundet bin. Deren ruhende Gravitation wirkte stark auf mich. Kaum hatte ich meinen Führerschein, fuhr ich durch die Fränkische Schweiz um efeubewachsene Mauern und einsame Alleen zu finden. Ich suchte nach einem kreativen Ventil, fotografierte und fing zu Schreiben an, letzteres war Zeitverschwendung.

Inzwischen habe ich mich von Vorbildern losgelöst, aber mich begeistern immer wieder die selben Bildideen, das können schlichtweg Bäume, Landschaften oder Blicke sein. Und immer wieder sind es Schwarzweiß-Reduktionen von klaren Bildkompositionen – „aufgeräumte Motive“ mag ich sehr.

Vorbilder sind wie Rufe, die Richtungen dirigieren, manchmal auch in sentimentale Labyrinthe führen, wie sich später herausstellen kann.

Welche 3 Bestandteile hat ein Foto, damit es dir im Gedächtnis bleibt?

Im besten Fall transportiert mich ein Bild in ein zuvor unbekanntes Terrain. Dann geht es garantiert nicht mehr aus dem Kopf, ganz ähnlich einem genialen Musikstück, das mit dem ersten Hören immer präsent bleibt, beim wiederholten Hören immer feinere Details und Zusammenhänge erkennen lässt. Solche Bilder sind sehr selten.

Ein gutes Bild besitzt eine eigene, spürbare Harmonie, eine Konstellation von Aussagen.

Und es stellt Fragen.

Ein Blick in die Zukunft: Welche Features hat deine übernächste Kamera?

Immer noch eine Blendenvorwahl. Das mit Sicherheit, auch wenn sie vielleicht ein automatisches Backup in einen zentralen Datenspeicher samt Gesichtserkennung und Geotagging macht, was ich aber nicht brauche.

Ich würde mir eine weitestgehende individuallisierbare Kamera wünschen, die ergonomisch und funktional zu mir passt. Würde mir wünschen, dass es mal Kameragehäuse in verschiedenen Größen, und z.B. für Linkshänder gibt, ich bin Rechtshänder, stelle mir aber das Arbeiten mit einer seitenverkehrten Kamera furchtbar vor, wahrscheinlich gibt es gar keine linkshändigen Fotografen. Wir fotografieren ja außerdem alle mit viel zu kleinen, auf japanische Hände gestylten Kameras. Unsere Marketingindustrie ist immer auf der Suche nach neuen Produktideen, ich schätze, hier ist Potenzial.

Fotos haben Macht und können ganze Nationen im Fluss der Zeit verändern, man denke z.B. an Fotos der ersten Mondlandung. Welche Chancen und welche Gefahren siehst du in der Bildbearbeitung oder in der Bildmanipulation?

Eigentlich nur Gefahren. Wir haben die Wertschätzung für unbearbeitete Fotos verloren. Trotzdem liebe ich sie.

Das fatale ist, die gegangenen Schritte zurück werden nie mehr gemacht werden. Digitale Fotografie und digitale Bildbearbeitung werden nie mehr wieder durch analoge Technik revidiert werden. Unsere Gesellschaft wird lernen müssen, einem Bild, sei es in einer Zeitung oder einer auf Milchverpackung, keinen Glauben zu schenken.
Generell wird es in der Werbung und in der visuellen Berichterstattung einen Rückwärtstrend zu etwas mehr Authentizität geben, ich denke, den kann man schon ansatzweise sehen. Ich hoffe, die Gesellschaft wird eines Tages visuell reifer werden und intuitiv authentische Bilder bevorzugen, schlichtweg, weil Klischees auf Dauer Lügen strafen.

Unsere Gesellschaft wird lernen müssen, einem Bild, sei es in einer Zeitung oder einer auf Milchverpackung, keinen Glauben zu schenken.

Ist es aus deiner Sicht heute gegenüber vor 10 Jahren leichter oder schwieriger sich vom Mainstream zu differenzieren?

Gegenüber der letzten 10 Jahren hat sich gar nicht so viel getan. Aber gegenüber den 80er Jahren ist eine persönliche Differenzierung viel leichter, speziell in der Fotografie. Fotografische Kunst war vor 30 Jahren wirklich rar gesät, und der Zugang viel schwieriger. Man musste schon in der Szene sein, um überhaupt Fotokunst ausmachen zu können. Im Alltag, war davon wenig zu sehen. Der Zugang ist heute viel leichter, und mit ihm auch Möglichkeiten der kreativen Selbstentfaltung. Jedenfalls ist es heute wesentlich günstiger zu fotografieren als in analogen Zeiten. Das ist die positive Seite der digitalen Ideen-Vervielfältigung.

Mich faszinieren nach wie vor, russische Jugendliche, Teenager aus den baltischen Staaten, oder aus Zentralasien, die mit einfachsten Mitteln kreative fotografische Wege gehen. Dort entsteht frische Fotokunst, die im Westen eifrig kopiert wird.

Woher holst du die Inspiration zu deinen Fotos?

Zu einem großen Teil aus der Musik. Die Quelle des restlichen Teils kann ich auch nach langem Nachdenken nicht erklären. Aber, was ist denn eigentlich Inspiration? Vielleicht wird Inspiration völlig überbewertet und es ist nur eine Form „ Echo“ des eigenen Seins ….?

Welche Intention steckt hinter deinen Bildern?

Ich glaube, Lyriker schreiben in erster Linie für sich selbst, Musiker hören beim Spielen immer sich selbst zu erst. Die Intention ist, sich selbst zu entsprechen, anders funktioniert das nicht. Mir gefällt, unverkitscht das zu zeigen, was im Einklang ist, das Souveräne, im Ego zum Beispiel. Eine gesunde Form von Erhabenheit, die ich in Bäumen, ebenso wie in Menschen finde. Diese spürbare Unantastbarkeit, im Individuum, wie in der Natur, faszinieren mich – schön, wenn beides sich in einem Bild aufnehmen lässt.

In unseren synthetischen Produktwelten, in unserer Zeit der permanenten Auswertung von Brauchbarkeit und wirtschaftlicher Nutzbarmachung, gibt es wenig Sensitivität für Dinge, die in unserem Leben keinen Bezug haben. Ich sehe eine allzeit gültige Erhabenheit der Natur über menschliches Handeln und Vergänglichkeit. Als Intention wird dieser Zusammenhang nicht zwangsläufig in meinen Bildern sichtbar, aber er ist meine Motivation zu fotografieren.

Wenn du die Möglichkeit hättest mit einem bekannten Fotografen zu arbeiten, wer wäre es?

Im Bereich des Landschaftsbildes, wäre es Ansel Adams gewesen. Im Portraitbereich Sheila Rock.

Was können wir in nächster Zeit von dir erwarten?

An geplanten Projekten steht in erster Linie der Ausbau von FotografieCampus an. Ich werde dieses Jahr viel weniger fotografieren und bearbeiten können, vielleicht werden meine Bilder auf diese Weise dichter …

Ein kurzer Fototipp, der in keinem Buch steht?

Nicht sofort fotografieren, erst mal ankommen, beobachten, teilnehmen, zuschauen und wirken lassen.

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